emanzipart - Thomas Haug/Theaterarbeit

Theater der Befreiung und meine Arbeitsweise...

 

 

"Wenn der Unterdrückte-Künstler in der Lage ist, eine autonome Bilderwelt zu seiner eigenen Realität zu erfinden und seine Befreiung in der besonderen Realität dieser Bilder darzustellen, dann wird er aus allem, was er in der Fiktion vollbracht hat, für sein eigenes Leben Schlüsse ziehen können. Szene und Bühne können so Übungsraum für das reale Leben sein."

- Augusto Boal -

 

Das vom Brasilianer Augusto Boal begründete Theater der Unterdrückten (Theater der Befreiung) versteht sich analog zu Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten als ein Theater, das nicht für die Unterdrückten, sondern mit ihnen arbeitet. Ziel ist die Selbst-Befreiung von Unterdrückung. Unterdrückung hat viele Gesichter... Diskriminierung, Ausbeutung, Benachteiligung, strukturelle Gewalt, Bevormundung, Machtmissbrauch, Manipulation, Repression, Ausgrenzung, Mobbing, Verachtung, Gruppenzwang, Abhängigkeit, Gleichschaltung, Ohnmacht, Isolation, Handlungsunfähigkeit, blinder Gehorsam, Kommunikationslosigkeit, Konformismus, Emotionslosigkeit, Apathie, Monolog, etc.

Das Theater der Befreiung dient Menschen dazu, sich selbst vom passiven ZuschauerInnenstatus zu befreien und zu selbstbestimmten AkteurInnen im Theater wie im Alltag zu werden. Menschen nutzen das Theater der Befreiung als Werkzeug, um eine zunehmend aktiv-kreative und konstruktiv-kritische Rolle bei der Gestaltung des eigenen Lebens und seiner Kontexte spielen.

Theater der Befreiung ist:

Insofern ist es ein geeignetes Werkzeug, um Prozesse der Selbstbemächtigung (Empowerment) und Selbsthilfe anzustoßen und zu gestalten. Selbsthilfe-Empowerment braucht Raum und Zeit, Vertrauen in die Menschen, Mut zu offenen Veränderungsprozessen, sowie beim Gehen entstehende, kreative Wege.

Theater der Befreiung bietet in diesem Sinne einige Impulse. Es ist:

 

Weitere Charakteristika und Prinzipien sind in der Internationalen Grundsatzerklärung zum Theater der Unterdrückten - Theater der Befreiung ausführlich dargestellt.

 

Die eigentlichen Techniken des Theaters der Befreiung werden im Gruppenprozess von diversen Übungen und Spielen vorbereitet und begleitet, die verschiedene aber miteinander zusammenhängende Ziele verfolgen:

Erkundung des eigenen Körpers, Sensibilisierung der Sinne, Schärfung der Selbst- und Fremdwahrnehmung, Erfahrung des Raumes, Schulung der Koordination, Förderung von Gruppenintegration, Entwicklung der Improvisation, Steigerung der Ausdrucksfähigkeit (verbal und nonverbal).
 

 

Nachfolgend die Kurzbeschreibung zweier Kerntechniken des Theaters der Befreiung:

Statuentheater

Die AkteurInnen verwenden ihren eigenen Körper sowie die Körper anderer gewissermaßen als Baumaterial. Mimik, Gestik, Körperhaltungen und Personenkonstellationen werden bewusst inszeniert. So entstehen starre Momentaufnahmen von bestimmten Szenen bzw. Situationen oder Standbilder zur (symbolischen) Darstellung von Wünschen, Emotionen, Ideen, Visionen, abstrakten Begriffen, etc.. Kollektives Bauen von gemeinsamen Bildern kann einen interessanten Austausch über Vorstellungen von Wirklichkeiten und deren Veränderung anstoßen. Die Statuenbilder können durch Dynamisierungstechniken und Improvisation auch zu bewegten Szenen werden.

Insbesondere wenn die verbale Ausdrucksfähigkeit an ihre Grenzen stößt (z.B. bei Tabus, schwer zu beschreibenden Gefühlen oder auch bei fremdsprachlichen Barrieren), greifen diese Formen des nonverbalen Darstellens, Wahrnehmens und Veränderns. Darüber hinaus unterstützen sie Klärungsprozesse bei z.B. unbewussten, diffusen oder vielschichtigen Themen.

Forumtheater

Dieses 'Theater der Interaktion und Intervention' thematisiert Konflikte, indem eine konkrete Unterdrückungssituation aus dem Alltag, in einer kurzen Ausgangsszene mit unbefriedigender Lösung dargestellt wird. Nachdem die Ausgangsszene dem Publikum vorgespielt wurde, besteht für die ZuschauspielerInnen, also für alle im Publikum, in einem zweiten und in weiteren Durchläufen die Möglichkeit, die Szene durch einen Stopp-Ruf anzuhalten und unterdrückte ProtagonistInnen auszutauschen. An ihrer Stelle können ZuschauspielerInnen alternative Lösungsansätze bzw. verändertes Verhalten erproben. Dabei kommt es zu Konfrontationen. Intervenierende ZuschauspielerInnen versuchen ihren Veränderungswillen durchzusetzen und stoßen auf die konformistische Haltung der unterdrückenden AntagonistInnen, die versuchen, die Szene so zu erhalten wie sie ist. Ziel ist die Veränderung der szenisch dargestellten Realitäten als Probe für den Alltag.

Ein 'Joker' bewegt sich zwischen Publikum und Bühne, ermutigt ZuschauspielerInnen zum Eingreifen und moderiert das Gesamtgeschehen, sowie die Reflexion und Diskussion über die Interventionen. Aufgabe des Jokers ist es nicht, zu urteilen und zu bewerten, sondern Zweifel zu formulieren und Fragen zu stellen: War eine bestimmte Intervention erfolgreich? Auf welche Weise? Warum (nicht)? Wie sieht es mit dem Transfer in den Alltag aus? Die Antworten muss das Publikum finden.

Grundsätzlich kann Forumtheater als Arbeitstechnik in kleineren, tendenziell homogenen Gruppen eingesetzt werden bzw. als Forumtheateraufführung vor einem größeren, heterogenen Publikum stattfinden. Dementsprechend unterscheiden sich Zielsetzung und folglich die Art der Arbeit. Steht beim gruppeninternen Forumtheater der pädagogische Arbeitsprozess im Mittelpunkt, so ist beim öffentlichen Forumtheater schwerpunktmäßig die Ästhetik der Forumtheaterszene von Bedeutung.

 

Umfassende Information zu Theorie und Praxis des Theaters der Befreiung finden Sie in meinem Buch!

 

In Workshops, Seminaren und Projekten orientiere ich mich an den Teilnehmenden, ihren Wünschen und Bedürfnissen, ihren Stärken und Ressourcen, ihren Lebenswelten und Sozialräumen, sowie am Gruppen- und Arbeitsprozess.

Insbesondere achte ich auf die dialektische Verbindung zwischen Reflexion (Beobachtung, Austausch, Analyse) und Aktion (Darstellung, Handlung, Intervention).

Meine Theaterarbeit grenze ich möglichst klar vom Psychodrama und anderen explizit therapeutischen Theaterformen ab. Ziel meiner Arbeit ist nicht das Auslösen und Bearbeiten von unter- bzw. unbewussten Prozessen, wenngleich dies ein Nebeneffekt sein kann, mit dem ich verantwortlich umgehe. Ich arbeite nicht therapeutisch, wenngleich die Theaterarbeit therapeutisch wirken kann!

Vielmehr zielt die Arbeit mit dem Theater der Befreiung darauf ab, psychosoziale Realitäten immer auch in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang zu verorten - das Private ist politisch!

Ich arbeite insbesondere mit den Techniken Statuentheater und Forumtheater, die stets in folgenden methodologischen Prozess eingebunden sind:

  1. Spielerisches gegenseitiges Kennenlernen, Aufbau einer vertrauensvollen und konstruktiven Gruppenatmosphäre, Klärung von Regeln der Zusammenarbeit

  2. Dynamische Körperarbeit zur "Entmechanisierung", Steigerung der Ausdrucks- und Darstellungsfähigkeit

  3. Theatrale Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen (Konflikte, Passivität, Ohnmacht, u.ä.)

  4. Austausch von subjektiven Erfahrungen, Verständigung über Gemeinsamkeiten, Erarbeiten von kollektiven Themen, szenische Umsetzung und Entwicklung

  5. Feinschliff der Szenen, Probetechniken, ggf. Requisiten

  6. Gruppeninterne Analyse und Transformation dargestellter Unterdrückung mit verschiedenen Techniken

  7. Austausch über den Transfer der gruppeninternen Erfahrungen in den Alltag und - falls die Gruppe dies wünscht - öffentliche Aktionen mit verschiedenen Techniken

  8. Abschluss der Gruppenarbeit, Evaluation (ggf. Dokumentation öffentlicher Aktionen) von Prozess und Ergebnis, Verabredungen und Absprachen (ggf. Weiterarbeit mit dem Theater der Befreiung), Abschied

 

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